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Fr, 07:00 Uhr
16.08.2019
Lichtblick zum Wochenende

Tritt ein

Die Mitgliederzahlen in den Kirchenkreisen schwinden? Ein Grund zur Panik sei das nicht, meint Superintendent Kristóf Bálint und befasst sich im Lichtblick zum Wochenende mit der Sensationslust der Moderne und den Herausforderungen, die jede Zeit mit sich bringt...

Unlängst führte eine Moderatorin ein Radio-Interview mit mir. In ihm ging es um eine Aktion, die unser Kirchenkreis im Frühsommer unter www.tritt-ein.info gestartet hat.

Auf dieser Homepage können sich Menschen informieren, was zu einem Eintritt in die Kirche notwendig zu wissen ist. Auch ausgetretene Gemeindeglieder, die den Weg in die Kirche zurückfinden wollen, bekommen dort Informationen zu Fragen rund um den (Wieder)Eintritt in die Kirche.

Die Moderatorin fragte, immer um Zuspitzung und brisante Neuigkeiten bemüht, ob eine solche Aktion der Tatsache geschuldet sei, dass sich die Prognosen für die Mitgliederzahlen der beiden großen Kirchen verheerend ausnähmen und Grund zur Panik bestünde?

Nach kurzem Nachdenken sagte ich: „Nein, denn jede Zeit hat ihre Herausforderungen und wir haben, verglichen mit anderen Jahrhunderten, nicht die Größten zu bewältigen.“

Merkwürdiger Weise wird uns aber, durch die permanente Berichterstattung von Katastrophen u.a. Eilmeldungen der Eindruck vermittelt, dass wir in andauernder Gefahrensituation leben. Das stimmt aber nicht. Weder sind wir in einer extremen Gefahrensituation die z.B. mit der entsetzlichen Schlacht am Weißen Berg bei Frankenhausen vergleichbar wäre, noch in einer, die mit dem „Kalten Krieg“ und der dauerhaften Gefahr eines Atomaren Krieges verbunden war. Darauf wies unlängst der ehemalige Finanzminister Theo Waigel in einem Interview zu Recht hin.

Dennoch gibt es Menschen (nicht nur Trump, auch hierzulande) und Parteien, die den Eindruck vermitteln wollen, dass alles schlecht sei, um sich dann selbst als Retter zu gerieren. Damit kann man erstaunlicher Weise zweistellige Ergebnisse bei Wahlen einfahren, Proteste einsammeln von Menschen, die gestern Linksaußen und heute Rechtsaußen wählen und immer ihr Fähnlein in den Wind hängen: Hauptsache dagegen. Konstruktivität, Engagement, aktives Handeln – Fehlanzeige! Lieber auf dem Sofa sitzend oder in Menschenmassen Parolen brüllend auf Straßen, Menschen diffamierend, Vorbestraften wie Lemminge hinterherlaufend, übel nachredend, bar jeder vernünftigen Argumente…

Nein, unsere Zeit ist sicher wie selten, trotz zuweilen erfolgender Anschläge, trotz Nazi-Terror des NSU und in Kassel. Wir sind keiner Willkür von Königen, Grafen oder (national)sozialistischer Potentaten ausgesetzt, können uns wehren – nicht zuletzt mit Hilfe der Medien, die so oft als „Lügenpresse“ gescholten werden. Uns geht es richtig gut, verglichen mit zwei Dritteln der Menschheit sowieso. Warum also Angst haben?

Auch Christen in Deutschland geht es gut, verglichen mit den verfolgten Christen in der Zeit der ersten drei Jahrhunderte in Rom, in der Zeit des Dritten Reiches (Paul Schneider, Dietrich Bonhoeffer, Werner Sylten, Jochen Klepper u.a.) und z.T. auch im real existierenden DDR-Sozialismus. Aber auch das ist wahr: Christen sind selbst heute, die meist verfolgte Glaubensgemeinschaft der Welt!Es ist also (wie leider so oft) differenzierter und damit schwieriger.

Auch meint nicht jeder das christliche „Abendland“ was es zu beschützen gilt, sondern nur das, was er dafür hält. Sonst malten sie die Kreuze nicht in Schwarz-Rot-Gold an. Das waren diese Mordwerkzeuge nicht, die das schlechthinnige Symbol für das Christentum und den christlichen Glauben sind.

Wenn ich aber sage, dass es Christen gut geht, dann meine ich nicht, dass wir nicht berechtigte Sorgen haben. Es kann und darf uns nicht egal sein, dass Menschen in Größenordnungen der Kirche den Rücken kehren. Die Kirchensteuer ist für Viele ein Anlass. Steuern zahlt keiner gerne und vermeidet sie, wo es der Staat zulässt (und manchmal nicht nur dort, wie Schweizer Steuer-CDs zeigen). Am einfachsten ist das bei der Kirchensteuer. Was habe ich davon, in der Kirche zu sein? Finanziell gesehen scheinbar nur Einbußen.

Dass mit den absolut gerecht erhobenen Kirchensteuern (es sind immer 9% der Lohnsteuer, die vereinnahmt werden – egal ob Geringverdiener [bei denen die keine Lohnsteuer zahlen, gibt es auch keine Kirchensteuer!] oder Spitzenverdiener) auch der Pfarrer/die Pfarrerin bezahlt wird, der/die die Taufe hält, die Trauung, mit den Konfirmanden und Familien Zeit verbringt, den Hausbesuch macht, den Religionsunterricht, in seelischen Notsituationen da ist, im Krankenhaus oder zu Hause die Kranken besucht, der/die im Trauerfall sich Zeit nimmt, den Hinterbliebenen beisteht, den Toten aussegnet, die Trauergespräche hält, den Trauergottesdienst hält… das ist zumeist nicht im Blick. Wer das gegen die Kirchensteuer aufwiegt, wird merken, dass das gar keine so schlechte „Geldanlage“ ist.

Vermutlich wird es aber so sein, wie in einem von mir abgewandelten Satz der kanadischen Dokumentarfilmerin und Inuit Alanis Obomsawin „Wenn das letzte Vorurteil dauerhaft wiederholt und zur Wahrheit erklärt, der letzte Glaubenssatz in Frage gestellt und aturwissenschaftlichen Methoden unterzogen wurde, obwohl dieser Maßstab dem Glaubenssatz überhaupt nicht gerecht werden kann und fehlgeleitete Schlussfolgerungen provoziert, wenn das Vertrauen in den letzten Mitarbeiter vergiftet ist; wenn es krank macht, in einer Atmosphäre der Lieblosigkeit und des dauerhaften Misstrauens zu atmen und zu leben, werdet ihr, zu spät, erkennen, was ihr mit dem christlichen Glauben verloren habt und dass niemand ohne die Nächstenliebe (Jesu) sinnerfüllt und befreit leben kann.“

Die Menschheitsgeschichte ist voll von Erfahrungen wie dieser. Es müssen Dinge erst verlorengehen, um als wertvoll erkannt zu werden. Interessanter Weise haben das bereits erste kluge Agnostiker geäußert. So sagte Gregor Gysi „Ich glaube zwar nicht an Gott, aber ich möchte auch keine gottlose Gesellschaft. Ich fürchte sie sogar.“ In einer Gesellschaft müsse es eine allgemein verbindliche Moral als „Maßstab im Kopf“ geben. Der Kapitalismus könne dies nicht, die Kirche hingegen schon. (Tagesspiegel, zitiert unter https://www.evangelisch.de/inhalte/155979/21-04-2019/gregor-gysi-fuerchtet-sich-vor-gottloser-gesellschaft)

Ich hoffe sehr, dass viele Menschen erkennen, welch wichtige Rolle Kirche nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Gegenwart hat(te). Sie ist oft nicht einfach zu fassen, nicht in Zahlen und Abstrakten zu messen, naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden per se entzogen und deshalb nicht auf diese Weise „beweisbar“, doch sie ist tragend und sinnstiftend. Milliarden von Menschen bezeugen dies in Geschichte und Gegenwart und werden es auch ferner tun. Dies glaubhaft in einer toleranten Gesellschaft tun zu können ist unsere Hoffnung, verbunden mit Menschen guten Willens, die sie unterstützen und die den Schatz, der sie ist, zu erkennen vermögen. Treten Sie ein in diesen Erfahrungsraum. „Tritt ein“ in die Kirche!

Herzliche Einladung zum Nachdenken. Ein gesegnetes Wochenende, Ihr Superintendent Kristóf Bálint, Bad Frankenhausen

„Wenn der letzte Baum gefällt, der letzte Fisch gefangen und der letzte Fluss vergiftet ist; wenn es krank macht, die Luft zu atmen, werdet ihr, zu spät, erkennen, dass Reichtum nicht auf Bankkonten beruht und dass man Geld nicht essen kann.“ - Originalzitat von Alanis Obomsawin (fälschlicher Weise oft Sioux-Häuptling Sitting Bull bzw. Häuptling Seattle vom Stamm der Suquamish zugeordnet)
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