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Fr, 18:30 Uhr
07.08.2020
Die unendliche Geschichte der Saison 2019/20

Chaos statt Spiele im Thüringer Fußball

Mit dem Widerspruch gegen das Urteil des eigenen Sportgerichts hat der Thüringer Fußballverband für eine weitere Eskalationsstufe im Streit um die Bewertung der abgebrochenen Spielzeit gesorgt. Ein skurriles Lehrstück, das da in Erfurt aufgeführt wird, meint Olaf Schulze

Wird es Herbst bis zu einer Entscheidung? (Foto: danielkirsch auf pixabay) Wird es Herbst bis zu einer Entscheidung? (Foto: danielkirsch auf pixabay)


Mitte März wurde die nach der Winterpause gerade wieder angelaufene Fußballsaison auch in Thüringen wegen der aufkommenden Corona-Pandemie abgebrochen. Dann dauerte es bis Anfang Mai, ehe der zuständige Thüringer Fußballverband sich bei seinen Vereinen meldete und eine Videokonferenz mit Vertretern der reichlich eintausend organisierten Thüringer Fußballvereine einberief. Die sollten darüber entscheiden, ob die Spielzeit irgendwann in einer nahen Zukunft fortgeführt oder an dieser Stelle unvollendet annulliert werden soll. Die Funktionäre entschieden sich knapp, aber eben mehrheitlich, für eine Fortführung der Saison in allen Ligen und allen Altersklassen. Vorgesehen war nun, die Saison in aller Corona-Ruhe bis in den Frühling 2021 fortzusetzen.

Dies führte zu stürmischen Protesten der Nachwuchs-Verantwortlichen vieler Vereine. Sie argumentierten mit den Sommerwechseln vieler Spieler in neue Altersklassen, die zu einer Wettbewerbsverzerrung und chaotischen Mannschaftsbildungen führen könnten. Sie starteten eine Petition zur Aufhebung des TFV-Beschlusses. Die darin geforderte umgehende Beendigung der Spielzeit 2019/20 lehnte der Thüringer Fußballverband erst kategorisch ab, um dem Ansinnen der Jugendtrainer nur 24 Stunden später schließlich nachzugeben. Also Abbruch der Saison im Nachwuchsbereich. Für Männermannschaften stand ja die Fortführung schon fest.

Allerdings nur wenige Tage, denn jetzt wollten die ersten Männermannschaften auch noch einmal über einen Saisonabbruch verhandeln und klagten gegen den Fortführungsbeschluss aus dem Webinar im Mai. Immer lauter und zahlreicher wurden die Stimmen, die wieder einen Saisonabbruch forderten. Daraufhin berief der TFV einen Verbandstag ein, der im Juli in Erfurt stattfand. Die Delegierten beschlossen auf diesem Treffen diesmal mehrheitlich einen Abbruch der Saison auch für die Herrenmannschaften.

Blieb noch zu klären, ob wegen der unterschiedlichen Anzahl an absolvierten Spielen der einzelnen Vereine die Auf- und Absteiger durch die Quotientenregelung (erzielte Punkte durch Spiele) festgelegt werden, oder ob die komplette Spielzeit annulliert werden solle. So, als habe sie es nie gegeben. Hier fand die zweite Variante die meisten Befürworter. Relativ logisch, weil es im Klartext bedeute würde, dass in keiner Liga eine Mannschaft absteigen müsste. Andererseits würde aber auch kein Verein sein durch die Quotientenrechnung ermitteltes Aufstiegsrecht wahrnehmen können. (Ausnahme ist der Oberliga-Aufsteiger FC Fahner Höhe, der von den Thüringenligavertretern als würdiger Aufsteiger bestätigt wurde.)

Sie ahnen sicher schon, was jetzt passierte. Richtig, es kam von einem Aufstiegsaspiranten einer niederen Liga zur Klage gegen den Beschluss. Der FC Gebesee legte beim TFV-Sportgericht Einspruch gegen Antrag 4 des Außerordentlichen Verbandstages ein, in dem eine Annullierung der abgebrochenen Saison ohne Auf- und Absteiger beschlossen wurde. Das TFV-Sportgericht kippte diesen Antrag mit seinem Urteil am 28. Juli und beauftragte den Verband, eine andere, die Rechtsauffassung des Sportgerichts berücksichtigende Wertung der Saison 2019/20 für den Punktspielbetrieb im Erwachsenenbereich zu treffen.

Der Vorstand des Thüringer Fußballverbandes empfahl daraufhin seinem Präsidium Berufung gegen dieses Urteil einzulegen. Das ist schließlich Anfang der Woche geschehen. So geht nun das Präsidium des Landesverbandes gegen das eigene Sportgericht vor und klagt vor dem eigenen Verbandsgericht in einer Sache, über die schon zweimal demokratisch abgestimmt wurde.

Ob es dem Verbandsgericht gelingt, ein salomonisches Urteil zu fällen, das allen Beteiligten gerecht werden kann, darf getrost bezweifelt werden. Und ob die Saison der erwachsenen Thüringer Fußballer einen irgendwie gearteten Abschluss finden wird, bleibt auch offen.

Für den Thüringer Fußballverband stellt die ganze Geschichte kein Ruhmesblatt dar und es kommt die Frage auf, wie viel Demokratie wann sinnvoll ist. Wenn von klaren Majoritäten gefasste Beschlüsse immer wieder gekippt werden, haben solche Befragungen keinen großen Wert mehr. Um so nötiger wäre ein starker Verband, der nicht nur abstimmen lässt, bis es allen gefällt, sondern selbst Vorschläge erbringt, die eine Mehrheit finden.

Inzwischen geht der fünfte Monat ins Land, in dem Thüringens Fußballer über eine Regelung streiten. Eine End scheint nicht in Sicht und es ist nur zu wünschen, dass wenigstens im Herbst wieder ein geregelter Spielablauf gewährleistet werden kann. Fragt sich nur, in welcher Saison.
Olaf Schulze
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