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Do, 13:34 Uhr
12.05.2022
IHK: Liste der Risikofaktoren wird länger

Konjunkturelle Erholung ausgebremst

Die Stimmung in der Thüringer Wirtschaft kühlt sich ab. Branchenübergreifend bewerten zwar 77 Prozent der Unternehmen, die sich im Frühjahr an der Konjunkturumfrage der drei Thüringer Industrie- und Handelskammern beteiligt haben, ihre aktuelle Geschäftslage noch mit gut oder befriedigend...

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Der Blick auf die nächsten Monate fällt jedoch deutlich verhaltener aus. Lediglich 14 Prozent erwarten eine Verbesserung der Situation, 43 Prozent rechnen dagegen mit einer ungünstigeren Entwicklung. So bleibt der Konjunkturklimaindex mit 89 Punkten im Vergleich zum Jahresbeginn (90 Punkte) nahezu unverändert niedrig. Der langjährige Durchschnitt beläuft sich auf 109 Punkte. Als größtes Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung ihres Unternehmens sehen 87 Prozent der Firmenchefs die enorm steigenden Energie- und Rohstoffpreise gefolgt vom Fachkräftemangel und den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen mit jeweils 58 Prozent. Die wachsende Unsicherheit spiegelt sich auch in den Investitionsplänen der Unternehmen wider. Während 18 Prozent der Befragten ihr Budget erweitern wollen, planen 46 Prozent weniger oder keine Investitionen. Auf dem Arbeitsmarkt haben die erschwerten Rahmenbedingungen bislang kaum Auswirkungen gezeigt. 13 Prozent der Firmen wollen ihr Personal aufstocken, 76 Prozent den derzeitigen Mitarbeiterbestand konstant halten und 11 Prozent müssen Stellenkürzungen einkalkulieren.

Zu den regionalen Daten aus Nord-, Mittel- und Westthüringen:
„Die Liste der Probleme, die die regionale Wirtschaft aktuell belasten ist lang: Die Preise besonders für Energie steigen unaufhörlich, hohe Corona-Infektionszahlen sorgen immer noch für krankheitsbedingte Personalausfälle, der wichtige Lieferant China schottet mit seiner Null-Covid-Strategie ganze Metropolen von der Außenwelt ab und stört dadurch globale Lieferketten. So kommen nach wie vor wichtige Lieferungen nur mit großer Verspätung an oder bleiben ganz aus“, informiert Romy Ziegler, Leiterin Unternehmenskommunikation und Marketing bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Erfurt. Zusätzlich sorge seit Ende Februar 2022 der russische Angriffskrieg auf die Ukraine für große Verunsicherung. Auch wenn die Zahl der Unternehmen mit direkten Wirtschaftsbeziehungen nach Russland und in die Ukraine überschaubar sei, zeigten die Folgen der Sanktionen in nahezu allen Branchen ihre Auswirkungen.

„Der Klimaindex, der die aktuelle Situation sowie die Erwartungen und Pläne für die nächsten Monate beschreibt, verdeutlicht die eher verhaltene Stimmungslage in den Unternehmen. Er steigt nur minimal um zwei Punkte und erreicht jetzt 89 von 200 möglichen Punkten. Damit bewegt sich der Wert auch weiterhin unter dem langjährigen Durchschnitt von 108“, erläutert Ziegler. Die gegenwärtige Geschäftslage werde im Vergleich zur vorhergehenden Umfrage also vom Jahresbeginn 2022 wieder etwas besser eingeschätzt. Branchenübergreifend bewerteten 25 Prozent der Befragten ihre geschäftliche Situation mit gut, fast die Hälfte äußerte sich befriedigend. 26 Prozent votierten noch mit „schlecht“. Bei der Umfrage zu Jahresbeginn hätte dieser Wert bei 37 Prozent und im Frühjahr 2021 sogar bei 42 Prozent gelegen.

„Von einer spürbaren konjunkturellen Erholung ist die Wirtschaft momentan aber noch weit entfernt. Nach wie vor rechnet mehr als ein Drittel der Befragten mit einer ungünstigeren Entwicklung. Der Anteil derer, die einen besseren Geschäftsverlauf erwarten liegt nur bei 17 Prozent“, so Ziegler. Der Blick auf die kommenden Monate sei also weiterhin von Skepsis geprägt. Die Gründe dafür würden auf der Hand liegen und spiegelten sich in der Einschätzung der Konjunkturrisiken wider. Fast wöchentlich neue Rekordwerte bei Energie- und Rohstoffpreisen prägten das derzeitige Stimmungsbild. Noch nie seit Beginn der Befragung nach den Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung der Unternehmen im Jahr 2011 wären die Energie- und Rohstoffpreise so hoch eingestuft worden. Seit der letzten Befragung sei der Wert von 74 auf 91 Prozent gestiegen.

Daneben spielten auch weiterhin der Fachkräftemangel und eng damit verbunden die Höhe der Arbeitskosten in der Risikoeinschätzung eine wichtige Rolle. „Deutlich höher als in der Umfrage zu Jahresbeginn wurden die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen eingestuft. Hier wurde am häufigsten der Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen genannt“, berichtet die IHK-Expertin.
Der demografisch bedingte Fachkräftemangel präge die Personalpolitik in den Firmen. So wolle die überwiegende Mehrzahl der Unternehmer (70 Prozent) den vorhandenen Mitarbeiterbestand beibehalten, 17 Prozent versuchten sogar neues Personal einzustellen. Stellenkürzungen, die von 13 Prozent der Befragten in Erwägung gezogen werden müssten, seien nicht zwingend konjunkturell bedingt, sondern häufig auf den Mangel an geeigneten Mitarbeitern zurückzuführen. Die temporären Risse in den internationalen Lieferketten und dadurch ausgelöste Produktionseinschränkungen dürften deshalb eher zu einem erneuten Anstieg der Kurzarbeit führen. Die Arbeitsagenturen registrierten im April etwa 200 Anzeigen für etwa 4.100 Beschäftigte.

„Die Investitionstätigkeit ist im Vergleich zur vorhergehenden Umfrage fast unverändert. Knapp jeder Fünfte will sein Budget in den kommenden Monaten aufstocken. Dagegen planen 42 Prozent weniger oder keine Investitionen zu tätigen“, sagt Romy Ziegler. Zu unsicher seien derzeit die Rahmenbedingungen für weitreichende Entscheidungen. 80 Prozent der Befragten würden als Hauptmotiv die Deckung des Ersatzbedarfs angeben. Erweiterungsinvestitionen wollten nur 17 Prozent vornehmen.

Fazit: Die Wirtschaft bleibt vorerst im Krisenmodus. Damit haben sich die Hoffnungen auf ein schnelles Aufholwachstum nach der Corona-Krise zerschlagen. Umso wichtiger ist es, so viel Stabilität wie möglich in alle beeinflussbaren Rahmenbedingungen zu bringen. Zur Abmilderung der enormen wirtschaftlichen Folgen des Krieges für betroffene Unternehmen, muss es weitere Entlastungen wie die maximale Ausschöpfung der EU-Möglichkeiten von Notfallzahlungen wegen hoher Energiepreise sowie die überfällige Absenkung der Stromsteuern auf das EU-Mindestniveau geben.


Hintergrundinformation zur Konjunkturumfrage:
Die IHK Erfurt befragt dreimal pro Jahr (zum Jahresbeginn, im Frühjahr und im Herbst) rund 700 Unternehmen aus Nord-, Mittel- und Westthüringen der Branchen Industrie, Bau, Verkehrsgewerbe, Handel, Gastronomie und Dienstleistungen zur aktuellen Geschäftslage sowie zu den Erwartungen und Plänen für die kommenden Monate. Die aktuellen Ergebnisse wurde zwischen dem 4. und dem 25. April erhoben.
Autor: red

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