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Mi, 17:20 Uhr
21.09.2022
Koryphäen im Autismuszentrum

Kleine Wege, große Schritte

Das Autismuszentrum „Kleine Wege“ gibt es nun schon seit über 20 Jahren. Die gesellschaftliche Wahrnehmung von dem, was Autismus ist, hat sich in dieser Zeit stark gewandelt und die Experten aus Nordhausen haben sich einen Namen gemacht, der weit über die Region hinaus strahlt. Die Reputation reicht nun soweit, dass man Koryphäen des Feldes demnächst in den Südharz einladen kannů

Das Autismuszentrum "Kleine Wege" wurde vor 22 Jahren in Nordhausen gegründet (Foto: agl) Das Autismuszentrum "Kleine Wege" wurde vor 22 Jahren in Nordhausen gegründet (Foto: agl)

Ein weißer Schuh auf rotem Grund prangt auf dem Schild vor der Einfahrt am Fuße des Geiersberges. Dahinter erhebt sich eine alte Gründerzeitvilla von der man, herangerückt an das Grün des Geheges, eigentlich kaum Notiz nimmt. In Fachkreisen aber ist das Haus wohl bekannt, bis weit über die Grenzen der Region, ja sogar des Landes hinaus.

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Die „Kleinen Wege“ sind hier vor gut zehn Jahren eingezogen, man konnte, man musste sich damals vergrößern und die alten Räumlichkeiten in der Oberstadt hinter sich lassen, erzählt Yvette Schatz, die das Autismuszentrum anno 1998 mibegründet hat. „Die gängige Meinung war, dass es doch kaum Leute mit Autismus gibt. Da hat sich seitdem viel gewandelt, der Begriff ist im Alltag angekommen aber was Autismus eigentlich ist, was es für die Leute bedeutet, dass landet häufig in Schubladen, irgendwo zwischen Einstein, „Rain Man“ und Sheldon Cooper“, erklärt Schatz.

Das Autismus-Spektrum ist ein weites Feld und reicht von leichten Fällen über die große Gruppe der Asperger, wiederum in verschiedenster Ausprägung, bis hin zu Schwerbetroffenen, die starke kognitive Einschränkungen haben. Die Welt ist für Menschen mit Autismus eine andere als die, in der die „neurotypischen“ Bevölkerung lebt. Alltäglichkeiten, die man als „normal“ an sich abgleiten lässt, treffen Autisten, je nach Ausprägung, mitunter hart. Wo man tagtäglich, ohne viel darüber nachzudenken, in Gesichtern liest, Anspielungen und Redewendungen interpretiert, schon in der Stimmlage Emotionen erkennt oder spontan einmal gefasste Pläne abändert, da stehen Autisten oft vor nicht enden wollendem Mysterien und Herausforderungen. Lärm ist häufig problematisch, große Menschenansammlungen und Hektik. Mitunter ist es um die Feinmotorik nicht eben gut bestellt und was ein Klacks sein sollte, etwa eine Schleife zu binden, wird zur täglichen Probe.

Yvette Schatz hat mit einem kleinen Büro in der Geschwister-Scholl-Straße angefangen und beschäftigt heute 43 Kollegen bei den "Kleinen Wegen" (Foto: agl) Yvette Schatz hat mit einem kleinen Büro in der Geschwister-Scholl-Straße angefangen und beschäftigt heute 43 Kollegen bei den "Kleinen Wegen" (Foto: agl)


Sicherheit liegt dort, wo man sich auskennt. In der eigenen Welt. „Autisten sind häufig Experten, die dann in ihrer Welt bleiben. Wir hatten schon Leute, denen ist es schwer gefallen, einen anderen Raum zu betreten. Wir versuchen, Wege in die Teilhabe zu ermöglichen und helfen dabei, eine intrinsische Motivation zu entwickeln, sich neuen Dingen zuzuwenden und sich so der Welt zu öffnen. Eben kleine Wege zu gehen, manchmal auch nur von einem Raum in den nächsten.“, erklärt die Geschäftsführerin. Therapeuten gibt es im Haus keine, das wird immer betont, im Konzept geht es nicht darum, an Defiziten zu arbeiten, sondern gemeinsam nach vorne zu blicken.

Die Fachwelt zu Gast in Nordhausen
Der Erfolg mag der Herangehensweise Recht geben, seit 1998 musste man nicht nur mehrmals umziehen, Yvette Schatz und ihre aktuell 43 Kollegen konnten auch neue Zentren gründen, sind inzwischen neben Nordhausen auch in Heiligenstadt, Blankenburg, Erfurt und Weimar vertreten und betreuen hier rund 300 Familien. Seit ein paar Jahren betreibt man unter dem Logo mit dem kleinen, weißen Schuh auch einen Verlag für Fachliteratur und eine Akademie für Weiterbildungen, welche die Referenten des Hauses schon bis nach Österreich und die Schweiz gebracht hat. Workshops, Vorträge und Weiterbildungen werden heute von Kindergärten, Schulen, Wohneinrichtungen, Therapiestellen, Pädagogen und auch Eltern nachgefragt.

Diesen Spieß möchte man in Nordhausen in den kommenden Wochen und Monaten einmal umdrehen und hat unter dem Titel „Zu Gast in der Akademie“ eine ganze Reihe an Fachtagungen vorbereitet, die Expertinnen und Experten rund um das „weite Feld“ Autismus nach Nordhausen bringen wird. Los geht es bereits am kommenden Freitag mit einem Vortrag von Dr. David Buttelmann, der die soziale Kognition und das soziale Lernen bei typischer Entwicklung und im Autismusspektrum gegenüberstellt. Anfang Oktober folgt Katrin Hornik, die sich vor allem mit der Kommunikation spezieller Bedürfnislagen befasst. Bis in das kommende Jahr hinein wird man sich außerdem mit rechtlichen Fragen, funktionaler Problembetrachtung, Fürsorgesystemen, Nachteilsausgleich, dem Thema Mobbing und noch einigem mehr auseinandersetzen. „Das die Leute, die wir da herholen tatsächlich zugesagt haben ist mir eine große Freude, das sind wirklich Fachleute von Rang und Namen. Im Januar kommt zum Beispiel Prof. Dr. Georg Theunissen, eine absolute Koryphäe, dieser Tag ist schon jetzt so gut wie ausgebucht“, berichtet Schatz. Die tagesfüllenden Fachveranstaltungen richteten sich vor allem an Pädagogen und Therapeuten und sollen, interdisziplinär aufgestellt, die Akademie der „Kleinen Wege“ weiter öffnen.

Neben den Fachtagen will man zudem den „Dialog am Dienstag“ wieder aufleben lassen, ein Format bei dem man mit Eltern und Pädagogen ins Gespräch kommen will. Auf dem Programm stehen aktuell neun gut gefüllte Abende zu verschiedenen Themen wie Schlafproblemen, der Pubertät oder auch Suchtproblematiken. „Das sind Gespräche bei denen jeder mitreden kann, Eltern, Pädagogen, Fachleute. Das ist eine gute Mischung, die auch die Alltagserfahrung in die Fachdiskussion hineinbringt. In Corona-Zeiten hatten wir da mitunter bis zu 40 Leute drin und wir erwarten auch dieses Jahr wieder großen Zulauf“, sagt Yvette Schatz. Der Gesprächsbedarf sei groß, die Pandemie habe das Problem der Isolation nicht eben kleiner gemacht.

Am Ende gehe es darum, besser zu verstehen. Die Auseinandersetzung mit Autismus müsse kein „Oh, Gott!“-Moment sein, meint Schatz, sondern führe meist dazu, dass sich der Blick auf viele Dinge verändere. Gelingt es, derlei veränderte Blickwinkel weiter in die Mitte der Gesellschaft zu tragen und „den Autismus“ aus den vorgefertigten Schubladen zu holen, kann das für die Betroffenen nur gut sein. Schließlich teilen wir uns alle die gleiche Welt, auch wenn der Blick darauf seine Unterschiede haben mag.

Eine Übersicht zu den Fachtagungen und Dialogtreffen sowie die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es auf der Homepage der "Kleinen Wege"
Angelo Glashagel
Autor: red

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