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Angemerkt

Vielen Dank für die Einladung, Herr Steinmeier

Mittwoch, 12. September 2018, 09:11 Uhr
Das jüngste Open-Air-Spektakel ging Anfang September in Chemnitz über eine große Bühne. 65.000 Menschen konnten kostenlos daran teilhaben. Gute Musik soll zu hören gewesen sein und echt coole Texte, zum Beispiel über eine Journalistenfresse...

Screenshot (Foto: privat)
Zugegeben - ich gehöre musikalisch nicht zum Bildungsbürgertum. Ich mag die 70er und ein Stück auch das darauffolgende Jahrzehnt. Ich mag Bob Dylon, Janis Joplin, Jefferson Airplane oder Joan Baez und alles, was zu dieser Zeit Hardrock spielte und heute immer noch spielt.

Ich höre mir auch die "Bilder einer Ausstellung" von Modest Mussorgskij an, jedoch in der Fassung von Emerson, Lake & Palmer. Oder die Bachsche Toccata in der Variation von Elektra. Und ich stehe heute noch jeder Musik aufgeschlossen gegenüber, die nicht nur aus dem Computer kommt, sondern handgemacht ist.

Musik ist Kunst und darüber lässt sich trefflich streiten. Auch über die Texte, so sie denn verstanden werden. Allerdings sind einige lyrische Ergüsse, die just zum Open-Air-Konzert in Chemnitz zu hören waren, schon sehr grenzwertig. Zum Beispiel von der Band K.I.Z, die auch ihren Song "Ein Affe und ein Pferd" zu Gehör brachte. Und das die Mehrheit der 65.000 Zuhörer, die der Einladung des Bundespräsidenten gefolgt waren, frenetisch "abgingen" bei Textzeilen wie: "Ich ramm' die Messerklinge in die Journalistenfresse." Oder: Trete deiner Frau in den Bauch, fresse die Fehlgeburt", macht mich im Nachhinein schon ein wenig fassungslos.

Noch ein poetisches Bonbon in Richtung der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin Eva Herrman gefällig? "Und ich gebe ihr von hinten wie ein Staffelläufer, ich fick sie grün und blau wie mein kunterbuntes Haus..."

Da passt doch irgendetwas nicht zusammen... (Foto: privat)
Ob das ein Zeugnis einer bunten und weltoffenen Gesellschaft sein soll, wage ich zu bezweifeln. Irgendwo hört auch Kunst auf. Vor allem dort, wo sie als Anleitung für eigenes Handeln verstanden werden könnte. Über die Texte einer Band, die irgendwas mit Fischfilet zu tun hat, soll dieser Stelle nicht auch noch geschrieben werden.

In unserem toleranten Land kann das Messer - lyrisch verpackt - durchaus in die Journalistenfresse gesteckt und kann eine Frau grün und blau gefickt werden - aber das zu dieser Darbietung führende Politiker und Repräsentanten unseres Landes aufrufen und einladen, das raubt mir dann doch schon den Atem und bringt mich weit weg von Begriffen wie Toleranz und Menschlichkeit.
Peter-Stefan Greiner
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