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Zur sorgsamen Auswahl eigener Freude rät Olaf Schulze

Kein Freund Harvey

Mittwoch, 16. März 2022, 09:10 Uhr
Bis vor kurzem hatte ich einen Freund, nennen wir ihn hier der Einfachheit halber Harvey. Der vertrat die Meinung, wir lebten heute in Deutschland in einer Kakistokratie. Als ich mir das Wort später übersetzte, musste ich ihm umgehend die Freundschaft kündigen und stufte ihn zurück auf „Bekannter“…

Dieser Harvey verstand auch nicht, warum unsere Regierung das Nachrichtenportal RT sperren musste und fühlte sich dadurch in seinem kognitiven Deduktionsvermögen beleidigt. Er behauptete allen Ernstes, er könne selbst entscheiden, ob die Russen lügen und Propaganda betreiben und es wäre ein Armutszeugnis für eine Demokratie die gleichen Methoden gegen aufgeklärte, mündige Bürger anzuwenden wie autokratische Diktatoren es mit ihren Untertanen täten. Das war ein weiterer Grund, ihm einen weiteren freundschaftlichen Umgang nicht mehr angedeihen zu lassen.

Harvey hielt es zudem für Unsinn, im Freien eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen und lehnte eine vierte Impfung gegen das Corona-Virus als überflüssig ab. Eine zusätzliche, schlimme Fehlinterpretation, denn es weiß ja inzwischen jeder, dass dreifach geimpfte Menschen von der Omikron-Welle nicht verschont bleiben und manche sogar ein zweites Mal an einer der Virusvarianten erkranken. Als mein ehemaliger Ex-Freund schließlich behauptete, diese vorbildlich dreimal Geimpften würden selbst zu Infektionsherden, wenn sie sich ungeschützt träfen und alle von der Regierung gewährten 2G-Vorteile schamlos ausnutzten, reichte es mir und ich wollte ihm sagen, dass ich keinen weiteren Wert auf seine Rederei legte.

Doch da schwadronierte er schon davon, dass man in den Schulen die Kinder mit dem Tragen der Masken gängele und es bei den Kleinen zu gesundheitlichen Problemen führen könne, wenn sie dauernd ihre eigene Atemluft wieder einsaugen würden. Außerdem wäre der Effekt ohnehin verpufft, wenn die Kids in den Hofpausen dauernd ihre Masken austauschten, weil sie die Mund-Nasen-Schutz-Teile ihrer Schulkameraden für attraktiver halten als ihre eigenen.

An dieser Stelle wendete ich mich empört ab von Harvey, meinem Ex-Bekannten, der mir noch hinterherrief, es würde ihn nicht wundern, wenn unsere Landesregierung die Corona-Maßnahmen auch über den 20. März hinaus festschriebe, obwohl es dafür keine logische oder medizinische Notwendigkeit mehr gäbe. Es herrsche eine regelrechte Corona-Hysterie in Politik und Medien, die heute, nach zwei Jahren Erfahrungen mit dem Virus, durch nichts mehr begründbar wäre.

Dafür verantwortlich solle der Prof. Dr. Karl Lauterbach sein, ein renommierter Wissenschaftler, der folgerichtig aufgrund seines Fachwissens ins Amt des Bundesgesundheitsministers berufen wurde. Dieser integre Mann hätte angeblich die ganzen letzten zwei Jahre lang während diverser Fernseh-Talkshows katastrophale Zukunftsvisionen heraufbeschworen, die samt und sonders nicht eingetreten wären, aber die Bevölkerung verängstigten. Laut meinem inzwischen weit entfernten und aus allen sozialen Kontakten entfreudneten Ex-Bekannten Harvey habe der Minister von zu erwartenden Hunderttausenden Corona-Toten binnen kurzer Zeit gesprochen und behauptet, dass die Mehrzahl der umgeimpften Landsleute bis zum März (also jetzt) an Corona verstorben seien.

Und auch an den Testkits und den PCR-Ergebnissen wollte er kein gutes Haar lassen. Angeblich seien die Tests ungenau und würden alles Mögliche ermitteln, wenn man nur lange und oft genug testete und bei vielen Getesteten wechselten die Befunde so schnell zwischen positiv und negativ wie das Tageslicht.

Das konnte ich nicht länger mit anhören und verließ Harvey ohne mich zu verabschieden. Ich wünschte sehnlichst, ich hätte den Kerl überhaupt nie kennen lernen müssen. Und ich wünsche auch niemand anderem von uns allen, ihm jemals begegnen und sich mit seinen kruden Telegram-Gruppen-Verschwörungstheorien beschäftigen zu müssen. Das Beste wäre wirklich, es gäbe den Kerl gar nicht!
Olaf Schulze
Autor: osch

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