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Meine Meinung:

Vergesst das Sterben nicht

Mittwoch, 19. November 2025, 10:45 Uhr
Am vergangenen Sonntag war Volkstrauertag und früher hieß es noch „Die Toten mahnen uns“. Aber mahnen sie uns wirklich noch ausreichend? Kolumne von Bodo Schwarzberg...

Denkmal in Nordhausen Salza (Foto: B. Schwarzberg) Denkmal in Nordhausen Salza (Foto: B. Schwarzberg)
Den Volkstrauertag gibt es seit 1922. Er wurde vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges geschaffen, um der zehn Millionen Toten zu gedenken. Millionen Soldaten starben im Kugelhagel, durch Chlorgas, wurden durch Granatsplitter zerfetzt, ertranken beim Versenken ihrer U-Boote oder sie starben durch die sogenannte Spanische Grippe, die es unter den Kriegsbedingungen des Jahres 1918 viel leichter hatte, sich auszubreiten und die am Ende mit geschätzt 20 bis 50 Mio. Toten zwei bis fünfmal so viele Menschenleben forderte, wie der gesamte Erste Weltkrieg.

21 Jahre nach Ende des ersten Weltkrieges brach mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg aus: In sechs Jahren forderte er geschätzt 50 Mio. Menschenleben, darunter 27 Millionen allein in der damaligen Sowjetunion mit besonders vielen toten Russen und Ukrainern, was im Zuge des Gedenkens heute aus politischen Gründen gern unterschlagen wird.

Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde und wird wieder der Toten gedacht. „Auf dem Felde der Ehre gefallen“, „Sie gaben ihr Leben für uns“, „Sie gaben ihr Alles, ihr Leben, ihr Blut“, „Dem Gedächtnis unserer gefallenen Helden.“ oder, wie am „Kriegerdenkmal“ im Nordhäuser Gehege: „Ihren im Weltkriege gefallenen Brüdern – die dankbare Bürgerschaft“, steht in viele Steine gemeißelt.

Man sollte bei letzterem Satz vielleicht fragen, ob die Dankbarkeit der Nordhäuser Bürgerschaft nicht größer gewesen wäre, wenn ihre Brüder lebend aus dem Kriege zurückgekommen wären oder noch mehr, wenn sie gar nicht erst in diesen hätten ziehen müssen.

Das Schlimme an solchen Sätzen ist ja, dass mit ihnen schon der nächste Krieg rhetorisch vorbereitet wird: Denn wenn eine Bürgerschaft einmal dankbar ist für im Weltkrieg gefallene Brüder, dann gibt es bestimmt einige in ihr, die auch zwei- oder dreimal dankbar sein würden.

In allen Zeiten haben Worte den heraufziehenden Tod von Tausenden oder Millionen unserer Mitbürger in Kriegen vorbereitet oder begleitet und das Massensterben hernach zwar bedauert, aber dies mit Blick auf eine politische Aufgabe eines jeden Krieges, mit der beschriebenen Dankbarkeit.

Auch heute erleben wir diese heraufziehende Rhetorik im Sprech unserer Politiker, die stets eines gemeinsam haben. Betont wird die politische Aufgabe eines möglichen Krieges, zum Beispiel die Erhaltung von Demokratie und Freiheit, nicht aber die Gefahr, dass dieser mögliche Krieg zum Massensterben und in neuerer Zeit nicht unwahrscheinlich zur Auslöschung des irdischen Lebens führt.

Boris Pistorius sagt zwar: „Wir müssen kriegstüchtig werden“, aber nicht, „Wir müssen bereit sein, unsere Söhne und Töchter für eine politische oder ideologische Mission in den Tod zu schicken.“ Oder: „Stellt euch in Bildern schonungslos vor, was Krieg konkret bedeutet. Zum Beispiel anhand des Filmes: ‚Im Westen nichts Neues.‘“

Unser Landrat Jendricke hingegen benutzt andere Worte: Er verknüpft die Erlangung von Kriegstüchtigkeit und damit die Unterstützung und Effektivierung eines potenziellen Massensterbens mit einer verlockenden wirtschaftlichen Entwicklung: Mit Hilfe des ewigen Zugmittels „Arbeitsplätze“ und den Worten „technologische Anknüpfungspunkte“, um endlich eine Firma dazu zu bewegen, dem Desaster „Industriegebiet Goldene Aue“ ein glückliches Ende zu bereiten.

Er blendet dabei auch aus, dass er im Fall einer tatsächlichen kriegerischen Auseinandersetzung, Nordhausen, wie schon vor 80 Jahren, ins Fadenkreuz potenzieller Gegner bringen könnte. Bekanntlich bombardierte die Royal Airforce die Nordhäuser Boelcke-Kaserne im April 1945, weil sie eine Nutzung durch die deutsche Wehrmacht vermutete, also militärisch bedeutsam war. Bekanntlich starben bei den Angriffen mit insgesamt 8.800 Toten aber in der Boelcke-Kaserne rund 1.300 Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Wir sollten uns am Volkstrauertag nach den Erfahrungen der letzten 110 Jahre also vielmehr die Frage stellen, wie wir den Millionen Toten zweier Weltkriege besser gerecht werden können als durch Aufrüstung, Abkopplung fast aller Gesprächskanäle mit potenziellen Gegnern und bestätigten Kriegsverbrechern, der Aufkündigung von Abrüstungsverträgen sowie vertrauensbildender Maßnahmen seitens des Westens und dem Festhalten an starrsinnigen Strategien. Letztlich um verhindern zu können, dass wir irgendwann erneut unseren gefallenen Brüdern und dann auch Schwestern in tiefer Trauer dankbar sein sollen – falls es dann noch jemanden gibt, der „dankbar“ sein kann.

In Nordhausen Salza steht kurz vor der Abzweigung in Richtung Herreden ein Denkmal unter mehreren Birken, das mir besser gefällt; mit einem einzigen in Stein gemeißeltem Wort: „Frieden“.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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