So, 16:18 Uhr
18.01.2026
Meine Meinung
Der arme Wolf, der böse Wolf. Was tun?
Vor wenigen Tagen erhitzte ein nnz-Artikel über die Position des NABU zur geplanten Abschwächung des Wolfsschutzes die Gemüter. Bekanntermaßen ist das imposante Tier mittlerweile auch im Landkreis Nordhausen angekommen. Bodo Schwarzberg, selbst aktiver Artenschützer, mit eigenen Gedanken dazu...
Wölfe (Foto: Christel SAGNIEZ auf Pixabay)
Eine stärkere Bejagung des Wolfes verfolgt nicht das Ziel, diesen wieder auszurotten. Der NABU weiß natürlich, dass der Verlust der letzten Schafherden durch Wolfsrisse unbedingt verhindert werden muss, da diese Herden durch die extensive Beweidung jahrhundertealte Magerrasen mit sehr vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten, Orchideen, Spinnen, Wildbienen, Tag- und Nachtfaltern, Fliegen und Reptilien, erhalten.
Der Wolf aber ist nur EINE Art, die lediglich das Glück und zugleich das Pech hat, durch ihre Spitzenposition in der Nahrungskette, ihre Erscheinung und ihren leider nicht positiv besetzten, antiquierten Ruf als Raubtier auch heute noch selbst jedem Handykind bekannt zu sein und die für nicht immer rationale Emotionen in jede Richtung sorgt.
Dabei leisten Millionen nur wenigen Spezialisten bekannte Würmer und andere namenlose wirbellose Tiere im Boden als Humusbildner unschätzbare Dienste für die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen. Schlagzeilen produzieren die oft nur millimetergroßen Lebensversicherer im Gegensatz zum großen, schönen oder schrecklichen Wolf, selten. Dessen Bedeutung für die Ökosysteme wird dadurch aber keinesfalls geschmälert, da die Begriffe gut und böse, nützlich oder schädlich für die Natur Fremdworte und lediglich menschlichen Einschätzungen entkommen sind.
Der Wolf soll und muss hierbleiben, genauso wie die für die Ernährung unschätzbaren Würmer und Mikroben unter unseren Füßen. Und ich glaube, kaum jemand will dieses wunderbare Tier tatsächlich wieder ausrotten. Denn seine recht effektive Rolle ist u.a. der Waldschutz, indem er zum Beispiel Rehwild reduziert, das durch seine große Individuenzahl den Verbiss junger Bäume einer natürlichen Regeneration des Waldes vielfach im Wege steht und dessen Bejagung seit Jahren ein Zankapfel zwischen Forst und Jagd ist. Der Wolf ist ein wichtiger, natürlicher Regulator, der dem Wald und damit uns allen als Teil des berühmten großen Ganzen nun wieder zugutekommt.
Aber eine gewisse Regulation der Wolfspopulation ist wichtig, da wir Menschen uns schon viel zu sehr in den Lebensraum von Wölfen und Rehen ausgebreitet haben. Schauen Sie sich eine Karte mit der Potentiellen Natürlichen Vegetation (PNV) an, dann wissen Sie, was ich meine: Fast 100 Prozent der Fläche Deutschlands wären ohne uns mit Wald bedeckt. Wir haben dem Wolf mit unseren natürlich unverzichtbaren Nutztieren und gnadenloser Abholzung rund 70 Prozent seines Lebensraums gestohlen, was der Wolf nicht versteht und ab und an feststellt, dass sich ein zahmes, auf der Weide, also in seiner früheren Heimat, stehendes Schaf leichter erbeuten lässt, als ein schnelles Reh mitten im unübersichtlichen Wald. Er denkt ähnlich effektiv wie wir, wenn es um seinen Wohlstand geht.
Eine verstärkte und schonende Regulation der Wolfspopulation ist notwendig, da die bisherige Politik ja offensichtlich nicht oder nicht überall zu einer ausreichenden Reduktion der Wolfsrisse an Nutztieren geführt hat.
Das wissenschaftlich bestätigte Argument, dass die Zerstörung von Rudelstrukturen durch Abschüsse zu mehr Rissen führen kann, muss dabei dringend beachtet werden. Es ist also ganz entscheidend, welche Tiere und wo diese Tiere geschossen werden. Das aber muss der Gesetzgeber dringend vor einer Verschärfung des Jagdgesetzes klären.
Für die Zukunft des Wolfes als heimische Wildart ist seine Akzeptanz in der Bevölkerung aber auch von weniger Negativschlagzeilen abhängig. Das sollte dabei nicht vergessen werden.
Schwer wiegt in der ganzen Diskussion leider, dass Canis lupus seinen Negativ-Ruf, hartnäckig forciert durch das Märchen der Gebrüder Grimm vom armen Rotkäppchen, leider nie verloren hat. Die Leute haben tausendmal mehr Angst vorm bösen Wolf, als vor der Gemeinen Wespe, Wildschweinen oder Rehen, obwohl auf das Konto der zwei letztgenannten Arten zum Beispiel durch Wildunfälle viel mehr Tote gehen, als auf das Konto des vergleichsweise noch immer seltenen Wolfes. Angriffe von Wildschweinen auf Menschen sind selten, aber bedeutend häufiger, als durch Wölfe.
Mir ist kein vom Wolf gerissener Mensch in Mitteleuropa aus den letzten Jahren bekannt, aber allein in Deutschland sterben alljährlich im Schnitt 20 Menschen an Wespenstichen durch eine Überreaktion des Immunsystems. Hier stimmen die Relationen in einigen Köpfen nicht.
Man kann daher nur zur Versachlichung der Diskussion aufrufen. Der Wolf ist willkommen. Er ist ein natürlicher Partner des Menschen zur Stabilisierung der klima- und forstwirtschaftsgeschädigten Wälder und zur Regulation sowie genetischen Stabilisierung anderer Wildtierbestände. Er dürfte auch um einiges länger durch die heimischen Wälder streifen, als wir selbst. Vielleicht nötigt uns diese Tatsache ein wenig Respekt ab? Schließlich sind wir, siehe oben, in seine Reviere eingedrungen und nicht er in unsere.
Kann durch eine streng kontrollierte Jagd und durch noch mehr Investitionen in den Herdenschutz erreicht werden, dass die letzten Schäfer ihre für den Arten- und Biotopschutz so wichtigen Herden erhalten können, zugleich aber die Bedeutung des Wolfes für den uns so wichtigen Wald herausgestellt wird, wäre sehr viel für uns, für den Wolf und für dessen Akzeptanz durch uns gewonnen.
Jeder kann zu einer positiv besetzten Nachbarschaft zwischen Wolf und Mensch einen Beitrag leisten: Der Wolf, ob alt oder jung, ist und bleibt ein Wildtier. Junge, neugierige Wölfe, die sich in der Nähe menschlicher Siedlungen blicken lassen, müssen durch unser Verhalten lernen, Abstand zu halten. Also bitte nicht füttern, aber mit lautem Rufen vertreiben, damit sie dem Menschen und seinen Tieren für immer aus dem Wege zu gehen. Tun wir das nicht, ziehen wir uns wirklich gefährliche Wölfe heran.
Eine besonders große Verantwortung haben in diesem Zusammenhang aber auch die Naturschützer und Schutzgebietsverantwortlichen. In einem großen Kiefernwaldgebiet Brandenburgs schaute ich mir zum Beispiel einen aufklärerischen Wolfspfad mit zahlreichen Stationen, Informationstafeln und Verweilstellen für Familien an. – Mitten in einem Wolfsgebiet. So etwas brauchen wir.
Bodo Schwarzberg
Autor: red
Wölfe (Foto: Christel SAGNIEZ auf Pixabay)
Eine stärkere Bejagung des Wolfes verfolgt nicht das Ziel, diesen wieder auszurotten. Der NABU weiß natürlich, dass der Verlust der letzten Schafherden durch Wolfsrisse unbedingt verhindert werden muss, da diese Herden durch die extensive Beweidung jahrhundertealte Magerrasen mit sehr vielen bedrohten Tier- und Pflanzenarten, Orchideen, Spinnen, Wildbienen, Tag- und Nachtfaltern, Fliegen und Reptilien, erhalten.
Der Wolf aber ist nur EINE Art, die lediglich das Glück und zugleich das Pech hat, durch ihre Spitzenposition in der Nahrungskette, ihre Erscheinung und ihren leider nicht positiv besetzten, antiquierten Ruf als Raubtier auch heute noch selbst jedem Handykind bekannt zu sein und die für nicht immer rationale Emotionen in jede Richtung sorgt.
Dabei leisten Millionen nur wenigen Spezialisten bekannte Würmer und andere namenlose wirbellose Tiere im Boden als Humusbildner unschätzbare Dienste für die Ernährungssicherheit von Milliarden Menschen. Schlagzeilen produzieren die oft nur millimetergroßen Lebensversicherer im Gegensatz zum großen, schönen oder schrecklichen Wolf, selten. Dessen Bedeutung für die Ökosysteme wird dadurch aber keinesfalls geschmälert, da die Begriffe gut und böse, nützlich oder schädlich für die Natur Fremdworte und lediglich menschlichen Einschätzungen entkommen sind.
Der Wolf soll und muss hierbleiben, genauso wie die für die Ernährung unschätzbaren Würmer und Mikroben unter unseren Füßen. Und ich glaube, kaum jemand will dieses wunderbare Tier tatsächlich wieder ausrotten. Denn seine recht effektive Rolle ist u.a. der Waldschutz, indem er zum Beispiel Rehwild reduziert, das durch seine große Individuenzahl den Verbiss junger Bäume einer natürlichen Regeneration des Waldes vielfach im Wege steht und dessen Bejagung seit Jahren ein Zankapfel zwischen Forst und Jagd ist. Der Wolf ist ein wichtiger, natürlicher Regulator, der dem Wald und damit uns allen als Teil des berühmten großen Ganzen nun wieder zugutekommt.
Aber eine gewisse Regulation der Wolfspopulation ist wichtig, da wir Menschen uns schon viel zu sehr in den Lebensraum von Wölfen und Rehen ausgebreitet haben. Schauen Sie sich eine Karte mit der Potentiellen Natürlichen Vegetation (PNV) an, dann wissen Sie, was ich meine: Fast 100 Prozent der Fläche Deutschlands wären ohne uns mit Wald bedeckt. Wir haben dem Wolf mit unseren natürlich unverzichtbaren Nutztieren und gnadenloser Abholzung rund 70 Prozent seines Lebensraums gestohlen, was der Wolf nicht versteht und ab und an feststellt, dass sich ein zahmes, auf der Weide, also in seiner früheren Heimat, stehendes Schaf leichter erbeuten lässt, als ein schnelles Reh mitten im unübersichtlichen Wald. Er denkt ähnlich effektiv wie wir, wenn es um seinen Wohlstand geht.
Eine verstärkte und schonende Regulation der Wolfspopulation ist notwendig, da die bisherige Politik ja offensichtlich nicht oder nicht überall zu einer ausreichenden Reduktion der Wolfsrisse an Nutztieren geführt hat.
Das wissenschaftlich bestätigte Argument, dass die Zerstörung von Rudelstrukturen durch Abschüsse zu mehr Rissen führen kann, muss dabei dringend beachtet werden. Es ist also ganz entscheidend, welche Tiere und wo diese Tiere geschossen werden. Das aber muss der Gesetzgeber dringend vor einer Verschärfung des Jagdgesetzes klären.
Für die Zukunft des Wolfes als heimische Wildart ist seine Akzeptanz in der Bevölkerung aber auch von weniger Negativschlagzeilen abhängig. Das sollte dabei nicht vergessen werden.
Schwer wiegt in der ganzen Diskussion leider, dass Canis lupus seinen Negativ-Ruf, hartnäckig forciert durch das Märchen der Gebrüder Grimm vom armen Rotkäppchen, leider nie verloren hat. Die Leute haben tausendmal mehr Angst vorm bösen Wolf, als vor der Gemeinen Wespe, Wildschweinen oder Rehen, obwohl auf das Konto der zwei letztgenannten Arten zum Beispiel durch Wildunfälle viel mehr Tote gehen, als auf das Konto des vergleichsweise noch immer seltenen Wolfes. Angriffe von Wildschweinen auf Menschen sind selten, aber bedeutend häufiger, als durch Wölfe.
Mir ist kein vom Wolf gerissener Mensch in Mitteleuropa aus den letzten Jahren bekannt, aber allein in Deutschland sterben alljährlich im Schnitt 20 Menschen an Wespenstichen durch eine Überreaktion des Immunsystems. Hier stimmen die Relationen in einigen Köpfen nicht.
Man kann daher nur zur Versachlichung der Diskussion aufrufen. Der Wolf ist willkommen. Er ist ein natürlicher Partner des Menschen zur Stabilisierung der klima- und forstwirtschaftsgeschädigten Wälder und zur Regulation sowie genetischen Stabilisierung anderer Wildtierbestände. Er dürfte auch um einiges länger durch die heimischen Wälder streifen, als wir selbst. Vielleicht nötigt uns diese Tatsache ein wenig Respekt ab? Schließlich sind wir, siehe oben, in seine Reviere eingedrungen und nicht er in unsere.
Kann durch eine streng kontrollierte Jagd und durch noch mehr Investitionen in den Herdenschutz erreicht werden, dass die letzten Schäfer ihre für den Arten- und Biotopschutz so wichtigen Herden erhalten können, zugleich aber die Bedeutung des Wolfes für den uns so wichtigen Wald herausgestellt wird, wäre sehr viel für uns, für den Wolf und für dessen Akzeptanz durch uns gewonnen.
Jeder kann zu einer positiv besetzten Nachbarschaft zwischen Wolf und Mensch einen Beitrag leisten: Der Wolf, ob alt oder jung, ist und bleibt ein Wildtier. Junge, neugierige Wölfe, die sich in der Nähe menschlicher Siedlungen blicken lassen, müssen durch unser Verhalten lernen, Abstand zu halten. Also bitte nicht füttern, aber mit lautem Rufen vertreiben, damit sie dem Menschen und seinen Tieren für immer aus dem Wege zu gehen. Tun wir das nicht, ziehen wir uns wirklich gefährliche Wölfe heran.
Eine besonders große Verantwortung haben in diesem Zusammenhang aber auch die Naturschützer und Schutzgebietsverantwortlichen. In einem großen Kiefernwaldgebiet Brandenburgs schaute ich mir zum Beispiel einen aufklärerischen Wolfspfad mit zahlreichen Stationen, Informationstafeln und Verweilstellen für Familien an. – Mitten in einem Wolfsgebiet. So etwas brauchen wir.
Bodo Schwarzberg